Dialog: Gemeinschaft oder „nur“ Nachbarschaft?

Hier eine Zuschrift von allgemeinem Interesse und die daraus folgende Diskussion. Ihr könnt gerne die Diskussion unten mit „Kommentar“ fortsetzen!

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Betreff: Das neue Dorf – Gemeinschaften

Nachrichtentext:

Guten Tag Herr Otterpohl,

vielen Dank für dieses wunderbare Buch und den Vortrag im Juli bei Rapunzel – pragmatisch und sehr inspirierend – habs schon oft weiterempfohlen.

Eine gravierende Anmerkung erlaube ich mir, Ihnen dennoch zurückzumelden:

Im Buch, sowie im Vortrag kommt ihr persönliches offensichtlich sehr gespaltenes Verhältniss gegenüber Gemeinschaften und der Ökodorfbewegung unangemessen  deutlich zum tragen.

Auch wenn ich mit Ihnen übereinstimme, dass einige Gemeinschften einen allzudeutlichen Schwerpunkt auf Seminarangebote legen, halte ich es dennoch für unangemessen, dass Sie ausschließlich Schloß Tempelhof als lobenswerte Ausnahme hervorheben.

Unabhängigkeit von Ihrem persönlichen Verhältnis zu Gemeinschaften (was ich selbstverständlich respektiere und zum Teil auch verstehe) – hat die Ökodorfbewegung in den letzten 25 -30 Jahren doch großartiges bewegt und als gangbar etabliert.

Für die Bewegung des neuen Dorfes insgesamt halte ich es daher für sehr wichtig, diesbezüglich nicht zu spalten – sondern die Vielfalt an Möglichkeiten hervorzuheben.

Ansonsten bin ich Ihnen sehr dankbar und werde mich sehr für die Verbreitung des Neuen Dorfes einsetzen und würde mich über eine kurze Rückmeldung freuen…

Viele Grüße

Wolfgang Adam, Werder/Havel

———-    ANTWORT:

Lieber Wolfgang Adam,

vielen Dank für diese Rückmeldung! Das soll eigentlich nicht ganz so rüberkommen, da werde ich mehr drauf achten. Ich bin nach wie vor von der Ökodorf-Bewegung und Hofgemeinschaften begeistert – leider habe ich sehr viele unschöne Dinge mitbekommen. Mehr „Interessante Nachbarschaft“ und etwas weniger „Enge Gemeinschaft“ würde vielen gut tun. Das sind oft die Gedanken einer leisen Mehrheit, die sich nicht mit charismatischen Platzhirschen anlegen wollen. Alles ist für uns alle ein Lernen und das ist sicher auch für alle möglich, man sollte aber die Lektion dann auch abschließen. In einigen meiner Vorträgen gibt es ein hörbares Aufathmen, wenn ich gegen zu enge Gemeinschaft argumentiere. Öfters wurde ich dann auch persönlich angesprochen, wo ich dann aber nur eine Seite höre. Spalten sollten wir nicht und ich arbeite mit etlichen Leuten aus der Ökodorf-Bewegung, die ich seit etwa 40 Jahren kenne. Wenn die Ökodorf-Bewegung wachsen soll, sind mehr produktive Bereiche aus meiner Sicht dringend nötig – ansonsten bleibt die hohe Abhängigkeit von der Globalwirtschaft.

Darf ich diesen Austausch in Gartenring.org einstellen (nur Vorname oder voller name?)

Herzliche Grüße

Ralf Otterpohl

—————–  ANTWORT:

Lieber Ralf Otterpohl,

vielen Dank für die Rückmeldung – natürlich sollte unser Austausch auch in den Gartenring.

Ich möchte nochmal kurz deulich machen, warum mir das Thema Gemeinschaft so wichtig ist:
Selbst habe ich mal für ein gutes Jahr in einer Gemeinschaft gelebt und wir haben viel Wert auf genügend Freiräume gelegt und es hat auch gut funktioniert -(Dass meine Zeit dort begrenzt war, war von vornherein klar und hab alles in sehr guter Erinnerung)
Es gab für uns immer ein ganz großes PLUS und ein ganz großes MINUS in Gemeinschaft zu leben:

– Das große Plus: Ich bin nie mehr allein. – Das große Minus: Ich bin nie mehr allein. 🙂

Vor allem durch das sehr empfehlenswerte Buch von Fabian Scheidler – Das Ende der Megamaschine / Die Geschichte einer scheiternden Zivilisation bin ich zu der Erkenntniss gekommen das wir Menschlein das Leben in Gemeinschaft VERLERNT und vergessen haben.
Auch sehr empfehlenswert dazu: Ivan Illich: Das Recht auf Gemeinheit.

Das es so große Wiederstände gegen Gemeinschaft gibt, liegt im Wesentlichen daran, dass wir´s transgenerativ verlernt und vergessen haben. Damit aber auch leider das wunderbare Gefühl von Geborgenheit, Solidarität, Stabilität, Entspanntheit und Abwesenheit von Existensangst.
(ähnlich wie Gänse, die über mehrere Generationen in Massentierhaltungsanlagen gezeugt und ausgebrütet wurden – das natürliche Brüten bei Renaturierung vergessen haben.)

Ich kann´s sehr gut verstehen, wenn Sie von interressanten Nachbarschaften sprechen – nur wenn diese wirklich so eng, selbstverwaltet und selbstversorgend zusammenarbeiten, wie in Ihrem Buch angedacht – so birgt dies auch viel Konfliktpotential – und einer Eskaltion kann mit guten Gemeinschftstrainings entgegengewirkt werden – mit z.B. Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberger oder Gemeinschaftsbildung nach Scott Peck – kennen Sie natürlich Alles.
Interessante Nachbarschaft riecht mir in dem Zusammenhang noch zu sehr nach Globalwirtschaft – wo die Menschlein kaum noch was miteinander zu tun haben.

Auch wenn dies auf den ersten Blick und bei den ersten „Gehversuchen“ verständlicherweise sehr nervig, anstrengend und langatmig wirkt, so ist meine Erfahrung – dass wenn man durch die eigenen Widerstände und Vorbehalte erstmal DURCH ist – geht vieles viel viel leichter, schneller, freudig und effektiver – Und sollte bestenfalls z.B. in Soziokratie münden, wo per se dann wenig Raum für Platzhirsche sein sollte. In dem Zusammenhang Ihnen auch meinen Dank für den Hinweis auf Jamilanda in Ihrem Buch.

Die Erfahrungen der Ökodörfer mit Gemeinschaftsbildung ist halt auch noch nicht so langjährig, als dass eine volle Integration von
gemeinschaftlichem Wirken und Leben gemeinökonomisch tradiert sein könnte.
Daher sollte dort viel Nachsicht, Raum und Wohlwollen gewährt werden um dem jahrhunderte – jahrtausendejahre währenden Prozess des Vergessens und Verlernens entgegen zu wirken.

Sehr hoffnungsvoll stimmt mich ein Artikel aus einer der letzten OYA´s von Dieter Halbach über 7 Linden, dass die erste Generation von Kindern, die ausschließlich in Gemeinschaft aufgewachsen sind nun ins Erwachsenenleben flügge geworden ist.

Das Wissen über Gemeinschftsbildung ist überdies auch sehr nützlich, wenn man „nur“ in einer Kleinfamilie lebt 🙂 oder im sonstigen normalen Leben.
Die Singlegesellschaft ist in dem Zusammenhang aus meiner Sicht ein auslaufendes Modell des gesellschaftlichen Verfalls.

Bei alledem immer reichlich auf Freiräume und Individualität achten…

In dem Sinne

Wolfgang Adam, Werder/Havel

 

———- Weitere Aspekte von Ralf Otterpohl:

Ich fahre gerade im ICE zurück St. Gallen und Schaffhausen, wo es großartige Vortragsveranstaltungen zum Neuen Dorf gab und auch der „Mutterhof“-Film von Rolf Zischka gezeigt wurde. Jetzt arbeite ich diese schöne Diskussion ein, die gerne in den Kommentaren fortgeführt werden kann. Kommentare müssen erst von uns freigegeben werden, da ab und zu Mist reinkommt.

Wir leben in einer sehr niedrig entwickelten Gesellschaft, relativ zu dem, wie es sein kann. Aus meiner Erfahrung sind die Probleme in Gemeinschaften auch nicht anders als in anderen Gesellschaftsbereichen. Gerade in der „Frankfurter Allgemeinen“: Wahrscheinlich etwa 200.000 Oper sexuellen Mißbrauchs in den beiden großen Kirchen in Deutschland. Die Kommentatoren haben aufgezeigt, dass es in anderen Bereichen der Gesellschaft einschließlich von Familien sehr viele weitere Fälle gibt. Dazu kommen viele weitere Ursachen für Kindheitstraumata, die aus Sicht von Erwachsenen ganz banal aussehen, aber ein Kind überwältigen – wenn nicht aufgelöst wird ein Leben lang. Das ist an unseren Organen thermografisch meßbar.

Die Traumata werden auch noch über das Familiensystem weiter gegeben, dazu kommen karmische Tramata. Aus meiner Sicht ist es recht aussichtslos, Gemeinschaft, gute Nachbarschaft, Paabeziehung und gutes Miteinander zu leben wollen, wenn nicht zumindest die prägendsten Traumata aufgelöst werden. Das ist machbar, tut erst mal weh, aber erst wenn die Beteiligten ein gutes Stück weit „sie selber sind“ und nicht voller Triggerpunkte (mit ihren Co-abhängigen Gegentriggern, man trifft sich zum Podium?!), kann es gut weiter gehen. Packen wir es an, wir alle für uns, dann wird sich das Feld dafür verstärken.

Ich bin nur ich, wenn ich psychische Traumata ein Stück weit angeschaut und aufgelöst habe. Ich bin nur ich, wenn ich die Schwermetall-Vergiftungen ausgeleitet habe. Meine eigene Geschichte: Meine Quecksilber-Belastung machte mich extrem schüchtern, zum Glück war die Belastung dann nicht so groß, dass ich in die nächste Stufe „extrem brutal“ gekommen bin. Wäre aber ein guter Platzhirsch geworden?! Die werden in der Ellenboge-Wirtschaft („Idiotenspiel“ ohne Gewinner nach Prof. Rosa) gebraucht – von ihr gemacht? Tatoos als neue Schwermetall-Quelle? Wenn Lithium als Spurenelement fehlt, gibt es statistisch drei mal so viel Depressive (nich so schön für eine Gemenschaft) und drei mal so viel Gewalt. Dazu kommen noch die Parasiten, die uns auch recht weitgehend beeinflussen können, auch aus schulwissenschaftlicher Sicht. Das geht bis hin zu Suizidneigung (siehe Taxoplama Gondii – kann uns aber nicht anhaben wenn wir stark und im Herzen sind!). All das ist bekannt, macht euch / machen Sie sich schlau. Wer beruflich einstiegen will, kann zum Besipiel in der Klinghardt-Schule hervorragend wachsen und lernen – dann im Neuen Dorf eine Praxis in Teilzeit aufmachen. Aus meiner Sicht seit Jahrzehnten eine international führende Gruppe, bei der ich selber eine Ausbildung gemacht habe die mir eine neue Welt eröffnet und mich persönlich sehr weiter gebracht hat. Im März werde ich auf dem INK-Umweltkongress in Frankfurt vortragen. Natürlich gibt es auch andere gute Schulen, man sollte nachschauen ob auf allen Ebenen – physisch / energetisch / mental und Transpersonal gearbeitet wird. Die materialistische Zersplitterung hat uns hilflos gemacht, auch die Diskussion weiter gehender Themen ist ein wunderbarer Konfliktpunkt. Das gilt für Gemeinschaften wie Nachbarschaften. Lasst uns das perfide „Teile und Herrsche“ – Prinzip und den engen materialistischen Käfig auflösen. Und auch die akzeptieren, dies es nicht oder noch nciht wolllen.

Ralf Otterpohl  Sept. 2018

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